Protestwähler

Wir Menschen machen es uns gerne Leicht. Daran ist erst mal nichts Verwerfliches, schließlich hat Jeder so seine Päckchen durchs Leben zu tragen. Daraus ergibt sich, vermeintlich Zusammenhängendes unter einem Oberbegriff zu bündeln. »Lügenpresse« zum Beispiel. Doch nur weil BILD und Focus mehr an Aufmerksamkeit, als an Wahrheit interessiert sind, färbt es auf sämtliche Publikationen ab.

Nun gut, hier dreht es sich nicht um das sinkende Niveau der Medien. Im Fokus steht die Gleichmachung. Dieses »über einen Kamm scheren«. Wer nicht mehr in der Lage ist, zu differenzieren, darf sich nicht wundern, wenn er/sie/es nicht Ernst genommen wird. Vielmehr verkennt er/sie/es, dass sich mit einer Gleichsetzung der Unmut bei denen erhöht, die sich ungerechterweise in einem Topf wiederfinden, dessen Stempel sie nicht entsprechen.

Beispiel? Die ewig Gestrigen wählen AfD, weil diese, im Gegensatz ihrer bisherigen Favoriten, anerkannt ist und bei diversen Landtagswahlen erfolgreich war. Weil die Medien es gerne einfach haben, wurden daraufhin alle AfD-Wähler zu Rechtsextremisten erkoren. Postwendend wurden alle Medien zur Lügenpresse deklariert. Mangels Differenzierung schaukeln die Lager sich auf und Fronten verhärten sich.

Unverstanden wenden sich immer mehr Menschen ab. Wer sich traut, geht auf die Straße demonstrieren. (Damit sind nicht die Krawallmacher gemeint, die in Dummheit versinkend nur zerstören und nirgends erwünscht sind.) Wem diese öffentliche Präsenz nicht geheuer ist, drückt seine Unzufriedenheit bei Wahlen aus und landet im Topf der »Protestwähler«. Weil von dieser Gruppierung ebenfalls zumeist die AfD profitiert, ist es für die Medien der leichtere Weg, diese in den Topf der Rechtsextremisten zu werfen, als andersherum. Darüber wundern, warum die Stimmen zur »Lügenpresse« lauter werden und der Ton rauer, braucht sich dort keiner.

»Die Aggressivität nimmt zu«, »der Ton wird aggressiver«, »der rechte Rand vergrößert sich«, »latent fremdenfeindlich« – alles Aussagen, die u.a. von Justizminister Heiko Maas im Magazin »Bericht aus Berlin« vom 27.11.2016 1 getätigt wurden.

Reduziert man Extremismus nicht auf politische Randerscheinungen, eröffnet sich der Blick dafür, dass er die Grundlage von Evolution ist; der Antrieb hinter Entwicklung und Anpassung. Allerdings benötigt er einen Auslöser: Unzufriedenheit. Oder positiv ausgedrückt, der Wunsch durch Veränderung verbesserte Umstände zu erreichen.

Insofern ist der »Protestwähler« sicher ein Extremist, aber nicht zwangsweise fremdenfeindlich oder irgendwelchen Randbewegungen zuzuordnen. Weil er aber dementsprechend abgehandelt wird, nimmt seine Verärgerung, und damit Wut, zu.

Der Politik Apparat hat sich von der Masse abgekoppelt und nur wenige Erlauchte an seiner Seite mitgenommen. Diese offensichtliche Missachtung schürt bei den Übergangenen die Verachtung. Vernachlässigt halten die Allein gelassenen Ausschau nach Ersatz. In ihrer Würde verletzt, greifen sie zu Allem, was Heilung verspricht. Schon steht der nächste Topf bereit: »Populismus«. Wer zum Lautsprecher der Proteste avanciert, wird zum Populisten degradiert. Bedauerlich ist, dass die Medien eine solche Positionierung negativ besetzen. Wieder mal leicht gemacht.

Der Protestwähler kann jetzt nicht wählerisch sein, weil ihm keine Wahl angeboten wird. Deswegen hat in Amerika Donald Trump das Rennen gemacht und könnte 2017 dort in Europa zu unerwarteten Ergebnissen führen, wo Wahlen anstehen.

Lediglich von einer »Kluft zwischen Arm und Reich« zu sprechen, ist Verantwortungslos und viel zu Kurz gedacht. Schon vor Jahren hat man das Bürgertum auf dem Bahnsteig stehengelassen. Dieses »Anhängsel« schien der Politik lästig zu sein, weil Die die Zusammenhänge eh nicht verstehen würden und »es« überhaupt »alles« viel zu kompliziert für Die ist – und außerdem sind dafür ja die »Volksvertreter« gewählt worden. Eine Kluft tut sich in fast allen Bereichen auf. Maßgeblich ist aber die zwischen Politik und Bürgern. Es ist müßig eine Liste an Verfehlungen seitens der Politik aufzustellen. Die schwerwiegendste und damit ausschlaggebendste ist, den Dialog mit den Bürgern eingestellt zu haben. Deckel auf den Topf, aber das Feuer darunter brennen lassen. Unweigerlich beginnt das Wasser darin zu kochen und der innere Druck steigt.

Vulkane explodieren irgendwann, weil es den physikalischen Gesetzmäßigkeiten entspricht – und sie keine Wahl haben; oder die Menschheit, etwas dagegen auszurichten. Warten, bis der Druck im Topf ihn explodieren lässt, beweist die Ignoranz der Verantwortlichen, den Inhalt nicht Ernst zu nehmen.

Gefahr droht hier freilich nicht von denen, die sich freiwillig für eine Randposition entschieden haben, auch nicht von den Krawallmachern, denen es nie um die Sache geht, sondern von den Vergessenen. Nicht beachtet zu werden gipfelt in Zweifel, die sich zu einem unerträglichen Schmerz summieren. Bevor aber der letzte Funke an Hoffnung erstickt wird, aktivieren sich automatisch natürliche Abwehrmechanismen.

Eine Explosion zu verhindern, ist mit der jetzigen Belegschaft nicht vorstellbar, dafür agieren sie zu Selbstherrlich und Eigenmächtig. Hat sich bisher die sogenannte Mittelschicht immer bemüht wegzugucken und die Hoffnung nicht aufzugeben, lassen sich die verdunkelnden Brocken vor ihren Augen inzwischen nicht mehr übersehen. Die Umverteilungen zu ihren Lasten können sie nicht mehr ausgleichen und daher nicht mehr wegdiskutieren.

In Amerika hat die Eruption statt gefunden. Ob der Regen jetzt reinigt und Wunden heilen, wird sich zeigen. Entladen sich die Kessel in Europa, werden wir gewahr, wie aufgestaut sie jeweils sind. Die Angst der Protestwähler liegt in einer ungewissen Zukunft, weil sie von der Mitgestaltung ausgegrenzt werden, obwohl sie die Hauptbetroffenen sind. Ihnen wird die Mündigkeit hierzu abgesprochen.

Politik sieht mehr nach Luftgitarre spielen aus: So tun, als ob. Das wäre allerdings eine wohlwollende Beschreibung für deren unorthodoxes Gehampel. Schlimmer ist, dass sie es uns ernsthaft als Klaviervirtuosität verkaufen wollen. Wo wir wieder bei der grundlegenden Problematik angelangt sind. Darum können wir uns auch noch ewig im Kreis drehen und erreichen nichts.

So oder so, ist ein Ausbruch notwendig. Über mögliche Folgen lässt sich hervorragend spekulieren und leere Zeitungsseiten füllen. Ganz nach dem Geschmack der Lügenpresse Medien. Es bleiben trotzdem nur Hypothesen. Dabei wissen wir Alle, es kommt immer anders, als man denkt.

In diesem Sinne: Wählt Protest!

… oder lest erst mal, warum Angstwähler die treffendere Bezeichnung ist.


  1. Es steht nicht dabei, wie lange der Beitrag in der Mediathek abrufbar ist und könnte daher irgendwann nicht mehr zum gewünschten Ziel führen. 

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