Angstwähler

Kürzlich habe ich Hintergründe der »Protestwähler« betrachtet. Stimmen diese Ausführungen bereits nachdenklich, kratzen sie nur an der Oberfläche; allerdings in Regionen, die von den Medien nicht beleuchtet werden. Ob die mit den Hintergründen überfordert sind, oder keine Motivation verspüren, sich damit auseinanderzusetzen, bleibt deren Geheimnis.

Wahrheitsgetreuer ist es, diese Menschen als »Angstwähler« zu bezeichnen und sie entsprechend Ernst zu nehmen. Ihnen pauschale Stempel aufdrücken und sie in Ecken schieben, wo sie nicht hingehören und sich selber auch nicht sehen, ist billig. Sie zu verspotten und diffamieren gar verächtlich. Es schürt und verstärkt deren Widerstand.

Angst ist immer auf die Zukunft gerichtet, getrieben von Ungewissheit. Zwei Umstände sind im Besonderen hervorzuheben: Existenz und Achtung.

  • Existenz: Indiskutabel, dreht es sich um das nackte (Über-)Leben. »Erlange ich mit dem Einsatz der mir zur Verfügung stehenden Ressourcen ein lebenswertes Niveau?« 1
  • Achtung: Mitglied einer sozialen Gemeinschaft zu sein, ist in unseren Genen fest verankert und nicht ausgrenzbar. »Werde ich als Individuum respektiert und meine Beiträge zur Gemeinschaft beachtet?« 2

Was ist bei Angst zu tun?

»Angriff ist die beste Verteidigung.« Hört sich gut an. Löwe, Tiger, Nashorn, Elefant und Co. werden auch wahrscheinlich instinktiv diesen Weg wählen. Jener Instinkt lässt sie sich aber auch zurück ziehen, wenn das eigene Leben zu sehr in Gefahr gerät.

»Flucht nach Vorne.« Ähnelt vorigem, nur ohne Konfrontationen. Baut sich dort eine Wand aus intellektuellen Ignoranten auf, fällt diese Option flach. An vorgefertigten Meinungen prallen anderslautende Argumente ab.

»Wild um sich Schlagen.« Gibt menschliche Reaktionen am Ehesten wieder. Zumeist wird dieser Zustand als Panik benannt.

Panikwähler?

Angst blockiert eine klare Bewertung. Entscheidungen sind Impulsgesteuert. Irrationales Handeln ist die Folge. Wie passt das auf die heutige Situation?

Perfekt, denn sämtliches Ungemach wird umfangreich bedient. Beispielhaft seien im Folgenden nur die herausragenden Impulse geschildert.

Finanzkrise

Was in den Köpfen ankommt: Gierige Finanzzocker haben sich verspekuliert und werden von mir gerettet. Doch statt Demut machen sie weiter, als wäre nichts geschehen und stopfen sich die eigenen Taschen voll.

Flüchtlinge

Was in den Köpfen ankommt: Jahrzehnte der Entwicklungshilfe treibt Millionen Menschen zur lebensfeindlichen Flucht. Alle Spenden und Unterstützungen waren/sind demnach unnütz und bereichern die falschen Taschen.

Altersarmut

Was in den Köpfen ankommt: Gebuckelt bis an körperliche Grenzen kann ich die Miete nicht bezahlen und muss um staatliche Unterstützung betteln. Wo bleibt die Prämie für Suizid, weil man der Elite verdiente Zahlungen erspart?

Politik

Was in den Köpfen ankommt: Es wird gegen das Volk regiert und über dessen Unverständnis noch verächtlich der Kopf geschüttelt. Verteilt wird an die Wirtschaft, die zudem geschickt jede soziale Beteiligung auf ein Minimum reduziert.

Zusammenhang

Frust liegt nahe, denkt aber viel zu Kurz. Symbolisch hingegen der Abgang der FDP. Von jeher Partei der Wirtschaft und Besserverdienenden, spiegelt deren Stimmenverluste die Aufspaltung der Gesellschaft. 3

Weitreichender sind die angerissenen Auslöser. Die Politik signalisiert deutlich, lediglich deine Einzahlungen haben einen Wert, für mehr halten wir dich nicht kompetent! Dem Großteil der Bevölkerung wird ein Verstehen der weltweiten Verstrickungen abgesprochen. Die hingegen bezweifeln, dass Politiker die weltweiten Auswirkungen ihrer engstirnigen Herrschaft überblicken, weil sie nur in dem Zeitraum ihrer Legislatur denken.

Es braucht schon viel Vernunft, um anständig dagegen zu halten. Womit wir uns dem Kern nähern. Wer nicht zur Steigerung des Shareholder Values beiträgt, ist nicht gesellschaftsfähig. Mag sich das Vokabular geändert haben, bedeutet es »ich Herrscher; du Sklave«!

Versteher

Werden Erwachsene für Hilflos und Unselbstständig gehalten, oder wie bockige Esel behandelt, gärt in ihnen der Protest. Verspricht ihnen Jemand Gehör, reichen sie Demjenigen die Hand. Letztlich obsiegt ihre Angst, ihr Überlebensinstinkt, nicht im Morast der Bedeutungslosigkeit versinken zu wollen. In dieser Situation gibt es zwischen »rette mich« und »lebender Zombie« keine Abstufungen; entweder Hop oder Top. Zumindest derzeit existiert kein gesundes Mittelmaß. Einzig der Griff zum Extremen bietet sich als rettendes Ufer an.

Dies erschüttert, bedeutet es doch, das keine Mitte mehr vorhanden ist, in welcher sich die Mehrheit aufgehoben und sicher fühlt. Offene Grenzen ermöglichen eine Invasion gebietsfremder Lebensinhalte und -vorstellungen, dessen Bedrohungspotential kleingeredet wird, aber genutzt wird, um den Überwachungsstaat auszubauen. Gezielt nutzen beide Seiten die Angst.

Am Ende

Immer heißt es, »aus der Geschichte lernen«. Eben diese zeigt zu genüge, wo es endet, wenn sich Ansichten und Fronten verhärten. Mit immer stärkeren Mitteln versucht sich die Macht durchzusetzen und alles Unliebsame zu unterbinden. Lehrt die Vergangenheit, dass sich Widerstand im selben Maße aufbaut, brodeln die Konfrontationen überall langsam hoch.

Statt weniger, gebärt Politik immer mehr Despoten. Statt weniger, überzieht immer mehr Krieg die Welt. Statt weniger, breitet sich Armut und Hunger aus.

Statt mehr, zeigt Politik immer weniger Einsicht. Statt mehr, beteiligt sich Wirtschaft immer weniger an der Gemeinschaft. Statt mehr, wird Respekt und Toleranz auf beiden Seiten immer weniger.

Ohne Rücksicht auf Verluste regelt die Natur sich selbst. Längst hat sie den Reinigungsprozess gestartet, um sich von lästigem Unrat zu säubern. Weil aber mal ein gerissener (und wahrscheinlich vor Minderwertigkeitskomplexen strotzender) Mensch irgendwas von »Untertan machen« geschrieben hat, glauben wir ja an unsere Unbesiegbarkeit. Aber irren ist…? Genau, menschlich.

Korrupte Von Lobbyismus zerfressene Politik hat in den letzten zwei Jahrzehnten viele Chancen für eine friedliche Entwicklung ignoriert. Damit haben sie den kommenden GAU selbst gefüttert. Ihr heuchlerisches Erstaunen träufelt nur weiteres Öl in die brennenden Flammen.

Bereits als junger Mensch warnte ich vor gefährlichen Tendenzen und hielt es für Verantwortungslos dieser Entwicklung unschuldiges Leben hinzuzufügen. Es war nicht abzusehen, dass gerade nachkommende Generationen zur Schieflage entscheidend beitragen würden.

Was denn nun?

Protest entsteht aus Angst. Wer von Protestwählern redet, hat sich nicht die Mühe gemacht, hinter die Kulissen zu gucken. Damit ist ein Verstehen ausgeschlossen. Dennoch alle anders Denkenden über einen Kamm zu scheren, zeugt nur von dem Versuch, alle Gleich zu machen.

Bleibt unbequem! Ignoriert die Stempel, die euch von kurzsichtigen Nicht-Verstehern aufgedrückt werden! Wählt Protest, auch wenn es mangels Alternativen schwierig ist, aber geht Wählen!


Lügenpresse

Die habe ich hier ausgespart, weil das Thema für einen eigenen Artikel reicht. Wenn dieser fertig ist, verlinke ich ihn natürlich.


  1. Natürlich träumt auch der Gabelstaplerfahrer in einer Spedition von der großen Villa mit Swimmingpool, ist aber letztendlich froh, wenn sein Verdienst für ein adäquates Leben reicht. 
  2. Vorgenannter vermag nicht über elitäre Artikulierungsfähigkeiten verfügen und akzeptiert durchaus seine Stellung in der Hierarchie; als Minderwertig komplett missachtet zu werden hingegen nicht. 
  3. Zukunft und FDP sind unvereinbar, auch wenn sie mit Christian Lindner einen betörenden Redner gefunden haben. »Sozial« hat noch nie Platz in deren Programm gefunden, vielmehr sind ihnen jegliche Schichten unterhalb der Führungsebene ein Gräuel. FDP Wähler denken an sich und haben Ausbeutung zum Ziel. Deswegen tendieren deren Wahlergebnisse zu dem 1% der Mächtigen, als zum Durchschnitt der Mittelschicht. 

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